Filmkritik: "Brügge sehen…und sterben?"
Mai 8th, 2008 by Hausmeister
Es gibt Dinge, die hält man gemeinhin nicht für möglich. Vor hundert Jahren war es unvorstellbar, dass ein einzelner Mann es mit Hilfe eines Flugzeuges schaffen würde, die Welt ohne Zwischenlandung zu umrunden. Verschwörungs-Theoretiker zweifeln noch heute genauso an der Mondlandung wie anscheinend viele Politiker an der Polkappenschmelze. Und auch in meinem Weltbild bedurfte es einer gravierenden Erschütterung in Form dieses Filmes, um zu merken: Colin Farrell kann auch mal sympathisch sein! Geschafft hat er das nicht in der Rolle eines wannabe-coolen Sonny Crocket oder des welterobernden Alexanders, sondern als Vollpfosten in der bedrückend-leichten Krimi-Dramödie „Brügge sehen…und sterben?“.
Farrell spielt in seiner Rolle als Ray eine besondere Art von Berufsstarter. Einen ziemlich unterbeleuchteten Killer, bei dessen erstem Job in London gleich alles schief läuft. Rays Auftraggeber gibt ihm daraufhin die Anweisung, im beschaulichen belgischen Brügge unterzutauchen. Gemeinsam mit seinem Mentor, dem kulturbegeisterten Ken, muss er sich in der – laut Ray – wohl langweiligsten aller möglichen Städte die Zeit vertreiben und auf neue Anweisungen warten. Schon nach kurzer Zeit muss er feststellen, dass nicht nur durch eine hübsche Blondine, die ihn gemeinsam mit ihrem Freund ausrauben will, Gefahr droht…
Es tut wirklich gut Farrell mal nicht in der Rolle des stylishen Draufgängers zu sehen. Schließlich steht ihm nicht nur ein stahlharter Blick, sondern auch mal eine dummdreiste Visage gut zu Gesicht. Durch seine direkte Art und viele unbedarfte Tölpeleien kann er schnell ordentlich Sympathiepunkte machen, zeigt es doch nicht zuletzt auch, dass Farrell sich selbst nicht so todernst nimmt wie ich es bisher annahm.
Doch auch sein Kumpan Ken, gespielt von Brendan Gleeson, hat meine Sympathie im Sturm genommen. Zum einen dadurch, dass er sich vom miesepetrigen Ray nicht die Laune verderben lässt, zum anderen weil er in einigen Szenen mit seinem herrlichen Knautschgesicht einige wirklich geniale Grimassen hinbekommt, für die man ihn einfach nur gern haben kann.
Und noch einer kann überraschen: Ralph Fiennes tritt zwar erst in der zweiten Hälfte des Films in Erscheinung, kann für mich aber auch mit ähnlich vielen Vorurteilen aufräumen wie Farrell. Bisher habe ich Fiennes immer als einen eher ernsten Mann gesehen, für den Schauspielerei eine hohe und elitäre Kunst ist, derer er sich vorzüglich bemächtigt hat (mal von Potters Voldemort abgesehen…). Umso schöner zu sehen, dass er hier mal auf seinen sonst so edlen Ruf pfeift und in die Rolle eines skrupellosen – und trotz aller Gewalt irgendwie lächerlichen – Gangsterbosses schlüpft, der mal sein von ihm verfolgtes Opfer nach dem Weg fragt oder mit einem „Seien Sie ruhig, Lady! Das ist jetzt der Showdown!“ auch dem desinteressiertesten Zuschauer klar macht, dass es gerade um alles geht.
Doch auch die Story des Films ist sehr interessant. Die Frage der Realitätsnähe lasse ich jetzt mal unbeantwortet. Immerhin schafft der Film es immer wieder neu, die verschiedenen Charaktere recht gelungen in die Story hineinzuweben, lose Enden wieder aufzunehmen und zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen. Dass dabei alle Personen ein wenig überzeichnet sind, tut dem Film sogar gut, ohne ihn zu skurril wirken zu lassen.
Es ist schon ziemlich selten, dass ein Film sowohl Spannung, Action, Witz als auch Drama in sich vereinen kann und darüber hinaus auch noch einige ethische Fragen anschneidet. „Brügge sehen … und sterben“ gelingt der Wandel auf dem selbst auferlegten schmalen Grat mit Bravour. Es wird weder zu klamaukhaft, noch zu pathetisch. Dass der Protagonist mal nicht smart, sondern strunzdumm ist und die Krimi-Szenerie nicht aus einem lichtdurchfluteten Las Vegas oder Shanghai, sondern aus dem mittelalterlich anmutenden Brügge besteht, macht den Film noch ein wenig außergewöhnlicher. Angenehm auch die krimi-untypische musikalische Untermalung, die meist nur aus behutsamen Klavier- und Violinentönen bestand.
Fazit: gelungene Ganuerkomödie mit viel Witz und einigen ernsten Untertönen. Ein Film, der meine Vorurteile gegenüber Farrell und Fiennes ebenso über den Haufen wirft wie fast alle üblichen Krimi-Konventionen.
Bewertung:






