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Filmkritik: “Die Stadt der Blinden”

Okt 29th, 2008 by Hausmeister

Wir erinnern uns sicherlich alle noch sehr lebhaft an das deutsche Film-Epos „Das Parfüm – die Geschichte eines Mörders“. Grundlage war ein Roman von Patrik Süskind, der lange Zeit als unverfilmbar galt, da er eine Handlungsebene besaß, die im Film kaum bis gar nicht umgesetzt werden kann: die Welt der Düfte. Trotz allem ist es Regisseur Tom Tykwer durchaus gelungen, eben diese olfaktorische Wahrnehmung hervorragend in intensiven Bildern umzusetzen. Dass die Story für den Film ein wenig umgeschrieben wurde, konnte man verschmerzen. Nun also „Die Stadt der Blinden“ nach dem Roman von José Saramago. Auch dieses Buch galt seit seinem Erscheinen 1995 als unverfilmbar.

Zur Story: von einer Sekunde zur anderen wird ein Mann in seinem Auto blind. Alle, die mit ihm in Kontakt kommen, erkranken ebenso – eine wahre Blindheits-Epidemie bricht aus. Um den Krankheitserreger unter Kontrolle zu halten, werden die Infizierten in einer verwahrlosten Irrenanstalt zusammengepfercht und vom nicht zimperlichen Militär bewacht. Viele Menschen auf zu engem Raum, gestraft von einer Krankheit, die den Alltag zur Hölle macht – kurzum: eine extreme Ausnahmesituation. Verständlich, dass es nach kürzester Zeit Spannungen zwischen den Menschen gibt.

Dass dem Film im Vorspann das „Arthaus“-Logo vorweg geht, sieht man bereits in seinen ersten Bildern bestätigt. Schon die ersten Einstellungen sind fernab vom Popcorn-Kino und machen klar, dass dieser Film nicht einfach verkonsumiert werden kann – dieser Film wird unbequem. So schafft es Regisseur Fernando Meirelles zusammen mit seinem Kameramann César Charlone die Blindheit durchaus gut erfahrbar zu machen. Eigentlich alle Szenen des Films spielen mit einem grellen Weiß, das stark an die „Weiße Blindheit“ der Erkrankten erinnert. Durch die harten Kontraste, die teilweise die Augen des Betrachters richtiggehend reizen, und die Ausschaltung fast jeglicher Farbe, wirkt der Film fast wie ein überbelichteter Schwarzweiß-Film. Dass alles in einem erschreckend kühlen Blauton gefilmt wurde, mach die Atmosphäre noch einmal dichter und verwahrloster. Verstärkt wird die gezeigte Trostlosigkeit durch den hervorragenden Soundtrack, der teilweise aus einer Kakophonie an wirren Tönen, teilweise aus eindringlichen Melodien besteht, die sich im Film voll entfalten, aber sicherlich keinen Soundtrack-Käufer in den Laden locken werden.

Inhaltlich ist meine Kritik natürlich dadurch geprägt, dass ich erst vergangene Woche das Buch ausgelesen habe. Zwar ist „Die Stadt der Blinden“ eine der akkuratesten Buch-Verfilmungen, die ich je gesehen habe, dennoch kann er die Eindringlichkeit und die inhaltliche Ebene des Buches dann doch nicht ganz erreichen. Kernpunkt des Buches ist die Auseinandersetzung mit der Frage, wie schnell die Ordnung unserer Zivilisation aus den Fugen geraten kann, weil jeder sich auf einmal selbst der nächste ist. Wie schnell ein soziales Gefüge auseinanderbrechen kann und wie viel Verstand es braucht, auch in einer solchen Situation noch Moral und Anstand zu wahren. Im Film verkommt diese Frage meiner Meinung nach zu einer Verkettung von Ereignissen, die zwar auf der Handlungsebene viel bieten, jedoch zu schnell abgehandelt werden, als dass man sich über die tieferen Beweggründe Gedanken machen könnte.

Teilweise wurde die vorherrschende Lage im Film nicht so extrem beschrieben wie im Buch. Die Blinden haben beispielsweise Probleme damit, ihre Notdurft zu verrichten und nach kürzester Zeit sind Toiletten unbrauchbar. Die nun einsetzenden hygienischen katastrophalen Hygienezustände werden ebenso ausgelassen wie die Tatsache, dass viele ihre Notdurft dann einfach auf den Fluren verrichten – es kann ja eh keiner sehen. Dieser Verfall hätte wesentlich besser verbildlicht werden können. Aus Schuhen, die im Buch überbordend bedeckt sind mit Fäkalien aller Art, wird im Film ein dezentes „Zieht Euch am besten die Schuhe aus“ beim Betreten einer sauberen Wohnung. Die im Buch ausführlich beschriebene Schmutzigkeit wird hier nur selten deutlich.

Etwas unbeholfen wir das Stilmittel des Off-Sprechers eingesetzt. Zwar gab es im Film zwei, drei Szenen, die von einem Sprecher erläutert wurden, aber leider fehlte hier die Konsequenz diese Technik durchgehend anzuwenden. Gerade durch das „Vertonen von Gedanken“ der Handelnden, hätte man auf der Subtext-Ebene noch mal richtig punkten können. Chance vertan.

Genug gemeckert. Alles in allem wurde das Buch gut umgesetzt und an den richtigen Stellen gekürzt, ohne die Handlung wirklich zu beschneiden. Schauspielerisch boten alle Darsteller eine solide Leistung, ohne dass sich jemand meisterhaft von der Masse absetzen konnte. Gut, dass ebenso wie im Buch der Ort des Geschehens komplett offen bleibt. Vermutet man in einem Moment noch eine Stadt in Brasilien, ist es im nächsten schon wieder eine mediterrane Stadt oder gar etwas zentraleuropäisches. Auch das Vorhandensein verschiedener ethnischer Gruppen (Asiaten, Schwarze, Kaukasier) lässt keinen Rückschluss zu, sondern setzt vielmehr den Parabel-Charakter des Buches gut im Bild um. Es geht um den Inhalt, die sozialen Mechanismen, nicht um Ort und Zeit. Ein ungewöhnlicher Film, der durchaus seine großen Momente hat, allerdings auch einige Längen.

Ich empfehle den Film jetzt einfach mal. Zum einen, weil er durch Bilder und Töne eine außergewöhnlich dichte Atmosphäre schafft, zum anderen weil er im Gegensatz zu so vielen anderen Filmen mit ähnlicher Thematik eben nicht auf die schockierenden Effekte, sondern auf die Beziehungen der Betroffenen untereinander setzt, vergleichbar mit der Stephen-King-Verfilmung „Der Nebel“. Hier gruselt es einen nicht vor bösen Monstern, sondern vor dem Monster Mensch an sich – und das ist immer noch das erschreckendste.

Rating: ★★★★★★★☆☆☆

Posted in Film

3 Responses to “Filmkritik: “Die Stadt der Blinden””

  1. on 29 Okt 2008 at 19:291der toby

    Folglich: Buch lesen und dann in den Film. Das könnte knapp werden ;-)

  2. on 30 Okt 2008 at 20:122Diana

    Ich lese grade das Buch… bin gespannt.. tue mich ja äußerst schwer mit Verfilmung großer Literatur!
    Aber der Trailer wirkt recht vielversprechend!

  3. on 23 Nov 2008 at 10:573Die Stadt der Blinden « Mythopoeia 2.0

    [...] hierin schließe ich mich dem Hausmeister an, ist Die Stadt der Blinden sehr gelungen.  Insbesondere den Szenen am Ende des Film gelingt es [...]

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