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Filmkritik: “Willkommen bei den Sch’tis”

Nov 19th, 2008 by Hausmeister

Kann sich jemand vorstellen, dass Franzosen über einen deutschen Film lachen würden, der mit den Klischees über Bayern und Ostfriesen spielt? Wohl kaum. Auch „Willkommen bei den Sch’tis“ scheint auf den ersten Blick mit vielen Vorurteilen zu spielen, die speziell auf Franzosen aus den nördlichen Landesteilen zutreffen. Wer jedoch glaubt, dass der Film deswegen für Deutsche absolut spaß-arm wäre, der verpasst die beste Komödie des Jahres!

Der leitende Beamte Philippe Abrams möchte auf Biegen und Brechen Karriere machen und Chef einer Post-Station in Südfrankreich werden. Auch seine Frau freut sich auf seinen sicher geglaubten Posten an der sonnigen Cote D’Azur. Leider versucht Abrams durch Vortäuschung einer Behinderung den Posten zu ergattern, so dass er nach Auffliegen des Schwindels strafversetzt wird – in den Norden des Landes. Dort – so sagt man – ist es kalt wie am Nordpol und die Bewohner des kargen Landstriches, in dem die Sonne erst um 12 Uhr aufgeht, sollen dumm und allesamt alkoholkrank sein. Mit diesen Schrecken vor Augen fährt Abrams seinem neuen Job entgegen, lässt Frau und Kind zurück und will sich allein durchschlagen. Schon wenige Tage nach seiner Ankunft muss er seine Vorurteile revidieren, stellen sich die Nordfranzosen (vom Rest des Landes „Sch’tis“ genannt) doch als sympathische und gastfreundliche Gesellen heraus – zwar ein wenig einfach gestrickt, aber über alle Maßen liebenswert. Alles läuft gut, bis sich eines Tages Abrams’ Frau zum Besuch ankündigt. Die geht immer noch davon aus, dass der neue Posten der blanke Horror ist.

Herrlich, herrlich, herrlich! Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal eine so „harmlose“ und doch so lustige Komödie gesehen habe. Harmlos deswegen, weil der Film komplett auf Fäkalhumor und Witze unter der Gürtellinie verzichtet. Vielmehr nimmt der Film das Thema „Vorurteile“ sehr liebevoll aufs Korn und schafft es trotzdem, alle gut da stehen zu lassen. „Willkommen bei den Sch’tis“ ist das beste Beispiel dafür, dass auch heute noch Komödien ohne warmen Apfelkuchen, zurückgebliebene Freaks und Schwulenwitzchen funktionieren können.

Mit Kad Merad als Hauptdarsteller ist Regisseur (und Nebendarsteller) Dany Boon überdies ein großer Wurf gelungen. Nach nur wenigen Sekunden ist einem dieser Tollpatsch grundsympathisch und sein Mienenspiel verschafft dem Film an vielen Stellen noch mal ein besonderes Plus an Liebenswürdigkeit. Auch alle anderen Charaktere sind wunderbar ausgewählt, sei es eine herrisch-dominante Mutter oder ihr noch bei ihr wohnender 35jähriger Sohn, der ihrer Herrschsucht nichts entgegenzusetzen hat. Einzig die Tatsache, dass unser Hauptdarsteller, der anfangs ein wenig an Homer Simpson erinnert, eine so formidabel aussehende Frau (Zoé Félix) hat, passt nicht ganz ins Bild – stört aber dank der Optik nicht die Spur…

Zugegeben: anfangs braucht der Film eine Viertelstunde, um richtig in die Gänge zu kommen. Und der Tatsache, dass der Film viel von seinem Humor durch eine komische Sprechweise der Nordlichter gewinnen soll, traute ich anfangs auch nicht recht. Doch bis zum Ende hin erscheint der Witz mit dem fremden Dialekt nicht abgegriffen, sondern ist hier und da immer wieder für eine Pointe gut.

Vor allem war ich aber davon überrascht, dass die regionalen Eigenarten der Franzosen, die mir so gar nicht geläufig sind, in diesem Film auch hier in Deutschland funktionieren. Sicherlich bleibt so mancher Wortwitz dank der Übersetzung auf der Strecke – an vielen Stellen wurde aber ein erstaunlich gut eingedeutschtes Pendant gefunden. Mir zumindest scheint es unvorstellbar, dass ein ins Französische übersetzter bayerischer Akzent beim französischen Kino so einschlagen könnte, wie der Dialekt der Sch’tis hierzulande. Meine anfänglichen Bedenken waren schnell ausgeräumt.

Die Tatsache, dass ich in diesem Film vor Lachen so viele Tränen in den Augen hatte wie wirklich seit Jahren nicht mehr und dass der Rest des Publikums ebenso fast auf dem Boden gelegen hat vor Lachen, macht „Willkommen bei den Sch’tis“ für mich ohne Zweifel zu meiner Komödie des Jahres. Höchstwertung mit ganz viel Sympathie!

Rating: ★★★★★★★★★★

Tags: film, Filmkritik, filmrezension, Frankreich, Kino, kritik, rezension

Posted in Film, Meinung

3 Responses to “Filmkritik: “Willkommen bei den Sch’tis””

  1. on 29 Nov 2008 at 14:131Nerdtalk Episode 77 : Nerdtalk

    [...] Filme: Willkommen bei den Sch’tis New York für Anfänger Max Payne    Nerdtalk Episode 77 [31:37m]: Play Now | Play in [...]

  2. on 07 Jan 2009 at 19:272blueplanet

    …ja ein wirklich urkomischer und doch anrührender Film. Wohl eine der besten Komödien die aus Frankreich kommen. Siehe auch unter:
    http://www.hanniwall.de/der-vorleser-the-reader-der-kinofilm/

  3. on 07 Jan 2009 at 19:293Der Vorleser - Die Kinovorschau 2009, Filmkritiken: Willkommen bei den Sch’tis und Die Buddenbrooks - ab dem 26.2.2009 im Kino

    [...] Nachrichtenlage aus aller Welt – zudem dringender denn je!! Soviel Positives wurde über die Schi’tis bereits rezensiert, dass ich mich nur noch uneingeschränkt anschließen möchte und [...]

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