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Filmkritik: “So viele Jahre liebe ich dich”

Nov 19th, 2008 by Hausmeister

Dass die Franzosen hervorragend Dramen auf Celluloid bannen können, ist landläufig bekannt. Regisseur Philippe Claudel wagt sich mit seinem neuen Film an ein unverbrauchtes Thema, das viel Spielraum für Tabubrüche, Vorverurteilungen und aufreibende Dialoge bietet. Entstanden ist ein leises Drama mit unzähligen intensiven Szenen und einigen herausragenden schauspielerischen Meisterleistungen.

Nachdem Juliette eine 15jährige Haftstrafe verbüßt hat, kommt sie übergangsweise bei ihrer jüngeren Schwester Lea unter. Doch das Zusammenleben gestaltet sich äußerst schwierig: seit der Verurteilung gab es keinen Kontakt zwischen den Schwestern. Leas Mann ist gegen die aus seiner Sicht ungebetene Besucherin, sieht er in ihr doch durch ihr damaliges Vergehen eine Gefahr für seine Familie. Auch das sonstige Umfeld macht es Juliette sehr schwer, im normalen Leben wieder Fuß zu fassen.

Zu allererst muss gesagt werden: für die Darstellung der Juliette hätte Kristin Scott Thomas auf jeden Fall eine Oscar-Nominierung verdient. Sie gibt die Ex-Strafgefangene mit einer so überzeugenden Tristesse und Antriebslosigkeit, dass einem in einer Szene, in der ein vorsichtiges Lächeln ihre Lippen umspielt, innerlich die Sonne aufgeht. Zwar muss ich zugeben, dass ich sie in anderen Filmen nie bewusst wahrgenommen habe, aber dass die Rolle der Juliette die wohl beste ihres bisherigen Schaffens ist, wie es viele Kritiker behaupten, würde ich blind unterschreiben. Ein ähnlicher Quantensprung wie Heath Ledgers „Joker“ in „The Dark Knight“ – man merkt einfach, dass das Gesehene weit über alles andere hinaus geht.

Elsa Zylberstein in der Rolle ihrer jüngeren Schwester Lea steht ihr allerdings in nichts nach. Sehr glaubwürdig veranschaulicht sie die innere Gegensätzlichkeit zwischen Wiedersehensfreude und zaghafter Zurückhaltung. Ständig beschäftigt sie der Zwiespalt zwischen einer gemeinsamen lustigen Vergangenheit und der grausamen Tat, derer sich ihre Schwester schuldig gemacht hat. Ebenso glaubhaft und nachvollziehbar ist ihre Zerrissenheit zwischen der Geschwisterliebe und den harschen Vorwürfen ihres Mannes.

Sehr behutsam und mit viel Ruhe zeigt Regisseur Philippe Claudel die stetige Annäherung der Personen aneinander, immer wieder gestört von großen und kleinen Rückschlägen, die den Film bedrückend real wirken lassen. „So viele Jahre liebe ich dich“ ist kein Film der großen Worte. Dass häufig Dialoge überraschend durch einen abrupten Schnitt zu einer anderen Szene beendet und somit nicht zu einem gewohnten Abschluss gebracht werden, verleiht dem Film ein paar stimmige Akzente. Was soll man auch sagen, wenn es nichts mehr zu sagen gibt? Konsequent, erfrischend anders und gut.

Erst im Verlauf des Films wird klar, wegen welchen Verbrechens Juliette im Gefängnis war. Von da an fällt es schon ein wenig schwer, für diese Frau Sympathie aufzubringen. Je mehr man sie jedoch erlebt, desto mehr Verständnis bringt man für sie auf. Abweisende Reaktionen ihres Umfeldes, die anfangs verständlich scheinen, werden im Verlauf des Films vom Zuschauer missbilligt. Der Film kann als Plädoyer für die Integration von Ex-Häftlingen angesehen werden, die nach der verbüßten Strafe – auch nach den schecklichsten Verbrechen – durchaus eine zweite Chance verdient haben.

Zwar gebe ich meiner werten Gattin Recht, dass man das Ende des Films auch gut fünf Minuten vorher einläuten hätte können; ich für meinen Teil fand die gewählte Lösung aber durchaus machbar und sinnvoll, geben sie dem Gesehenen doch eine neue Perspektive, die einen auch nach dem Film noch über die eigenen Vorurteile Juliette gegenüber nachdenken lassen.

„So viele Jahre liebe ich dich“ ist eine echte kleine Filmperle, die ich Menschen mit Hang zum französischen Drama und stillen Filmen an sich , guten Gewissens ans Herz legen möchte.

Rating: ★★★★★★★★☆☆

Tags: film, Filmkritik, filmrezension, Kino, kritik, rezension

Posted in Film, Meinung

One Response to “Filmkritik: “So viele Jahre liebe ich dich””

  1. on 19 Nov 2008 at 21:451der toby

    Schön, dass dir So viele Jahre liebe ich dich auch gefällt.

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