Sorgenfrei “dank Krebs”?!?!
Mai 18th, 2006 by Hausmeister
Wie der eine oder andere weiß – oder zwischen den Zeilen schon mal gelesen hat – hatte ich vor einiger Zeit eine Krebserkrankung. Mit Krebs ist natürlich nie zu spaßen, aber von verschiedenen Seiten habe ich nun schon gehört, dass es so ziemlich die harmloseste Krebsform ist, die man bekommen kann. Nichtsdestotrotz ist die Diagnose erst mal ein Schlag vor den Kopf und ich werde wohl nie den Moment vergessen, als wir, kurz vor meiner ersten OP, beim Fährmannsfest in Linden waren und mir die schlimmsten Dinge durch den Kopf gegangen sind. Das erste Mal im Leben solche Gedanken wie „Wenn ich das überlebe, werde ich mein Leben ändern. Mehr machen, mehr leben, bewusster leben.“, das bleibt im Kopf hängen.
Seit einem Jahr bin ich nun „OB“ (ohne Befund) und mit jeder Nachsorge-Untersuchung wird die Angst ein wenig kleiner, dass ER wieder kommt. Ich fühle mich gut und die Chemo-Therapie, die ich bekomme hat noch nicht mal diesen Namen verdient, so gut vertrage ich sie.
Der wichtigste Schritt für mich in der Zeit der akuten Erkrankung war es, Pläne zu machen. Direkt nach Operationen einen Urlaub buchen zum Beispiel. Weiterleben, als wäre ER nicht da. Das nimmt IHM den Schrecken. Nicht zu denken „Nicht, dass ich wieder ins Krankenhaus muss. Dann lass uns mit Urlaub oder Konzert-Planungen noch warten“, sondern „Jetzt steht der Abflug-Termin fest! Und wenn ER dazwischen kommt, dann kann man sich darum immer noch kümmern.“ Pläne machen hilft ungemein.
Doch wie hat sich mein Leben jetzt, ein Jahr nach der letzten OP, verändert? Manchmal denke ich, dass sich nicht wirklich viel geändert hat. Gerade auch wenn ich manchmal an diesen Moment auf dem Fährmannsfest zurückdenke, empfinde ich oft keine wirkliche Veränderung in meinem Leben. Alles geht seinen gewohnten „Trott“. Doch was habe ich erwartet? Vor kurzem habe ich in einer Nachrichtensendung einen Mann gesehen, der den Mount Everest bestiegen hat, obwohl ihm vor Jahren beide Beine amputiert wurden. Meine Erkrankung hat mich nicht zum Extremsportler gemacht, der seine Grenzen kennen lernen will oder Grenzerfahrungen sucht.
Auf den ersten Blick hat sich in meinem Leben auch nicht viel verändert. Auf den zweiten Blick dann schon: ich bin wesentlich gelassener geworden. Viele Dinge, über die ich mir früher Gedanken gemacht habe, lassen mich inzwischen vollkommen kalt. Das heißt aber nicht, dass ich ein Mensch geworden bin, dem alles egal ist. Nachdem ich IHN kennen gelernt habe, merke ich aber, dass viele von den großen Problemen eigentlich sehr klein oder manchmal gar nicht existent sind.
Neben dieser neuen Gelassenheit ist es auch schön manche Sachen heute bewusster zu erleben. Gemerkt vor allem jetzt wieder in Stockholm: wir saßen am Ufer in der Sonne, relaxten und schauten auf die Skyline. Früher wäre ich da einfach so entspannt gewesen. Heutzutage treibt es mir fast die Glückstränen in die Augen, weil ich ganz bewusst daran denke, dass ich gesund bin und diesen Moment gesund erleben darf.
So hat ER mir (und nicht zuletzt allen Menschen, die an mich gedacht haben, allen voran Dani) zwar viele Kräfte entzogen, aber doch auch neue Wege gezeigt. Ich habe diese extreme Erfahrung gemacht, wie es ist, wenn einem der Arzt sagt, dass sich mit ein wenig Pech das Leben sehr stark verändern wird. Und ich kann nicht sagen, ob ich diese Erfahrung wirklich missen möchte…
Das war jetzt bisher wohl der persönlichste Eintrag hier, aber wenn’s mir gerade durch den Kopf geht, dann ist es hier im Blog (abgesehen von Dani) am besten aufgehoben.






Mein Opa hats nicht überlebt. Von daher ists schön, dass du dein Leben so genießen kannst.
Wobei es verwunderlich ist, dass es erst so einen Einschnitt im Leben braucht, um das Tolle am Leben würdigen zu können.
@Phil: Es ist so. Glaubs. Eigene Erfahrung. Genuss ist immer steigerbar. Und die Wahrnehmung auch. So etwas verändert so etwas. Zum Guten. Manchmal.
@Andreas: Alles Gute. Weiterhin. Wenn solche Erfahrung spurlos an einem Vorübergehen. Ohne Nachwirkungen. Hat es was Gutes. Und wenn man hinterher nur weiß, wieviel Kraft man hat, wenn es wirklich nötig ist. Alles Gute.
Vielleicht ist “Carpe Diem” ein guter Vorsatz. Für jeden von uns. Alles Gute.
@dauni
Der Spruch ist schön und gut, auch Der Club der toten Dichter ist ein Film, den es lohnt, mehrmals zu schauen.
Aber sehen wir das mal praktisch: Wo ist es dem “Normalo” möglich, den Tag zu nutzen? Werktags ist man viel zu eingespannt, um diesem Spruch gerecht zu werden. Mit steigender Familienmitgliederanzahl immer weniger.
Lass mich ein Beispiel meiner Eltern sagen:
Das erste Mal wacht meine Mutter morgens um halb 5 auf, wenn der Wecker meinen Daddy zum Zeitungen austragen weckt. WENN sie nochmal einschlafen kann, klingelt der ihrige um halb 7, um mit meinen Geschwistern zu frühstücken und sie dann in die Schule zu schicken. Kaum sind die weg, sortiert sie ihre Post und trägt bis um 11 Post aus. Meist haben die Kiddys schon um halb 1 Schluss, sodass meine Mutter, wenn sie zu Hause ankommt, das Mittagessen aufsetzen kann. Nach dem Mittagessen geht das nachmittägliche Hausaufgabenmachen los, was erfahrungsgemäß (leider) sehr anstrengend ist und entsprechend lange dauert. Meist, so gegen 5 Uhr, sind zumindest die gröbsten Aufgaben erledigt, mein Daddy ist auch wieder da, nun muss eingekauft werden oder andere Sachen erledigt werden, da meine Mutter kein Auto hat (und vorher auch keine Zeit zu anderen Sachen hatte). Kaum ist es abend, wird Abendbrot gegessen und die Kiddys bettfertig gemacht, bis sie um halb 9 im Bett liegen. Dann hat meine Mutti etwas Ruhe, die aber gestört wird durch die wichtigen Familiengespräche und Planungen zwischen ihr und meinem Daddy. Und der Abend ist früh zu Ende, weil beide früh morgens wieder rausmüssen.
Nun, wo soll man hier den Tag nutzen? Klar, ab und zu muss man sich Ruheinseln bauen und wahrnehmen. Aber im normalen Alltag ist es (leider) nicht möglich, den Tag zu genießen, zu nutzen.
Netter Spruch, nur leider praktisch nicht umsetzbar.
@Phil:
Oh, sag das nicht. Natürlich haben Dani und ich auch einen “nine-to-five-job” und selbstverständlich gibt es auch nach Feierabend genug im Haushalt zu tun. Aber wenn man will, dann kann man sich auch Freiräume schaffen. Gemeisame Mittagessen an Arbeitstagen wird es aufgrund der Entfernung von immerhin doch 60 Kilometern nie geben. Aber nach Feierabend kann man doch noch sooo viel machen.
Wir gehen z.B. mehr oder weniger regelmäßig am Mittwoch in die Sneak im Cinemaxx. Dann auch meist einmal die Woche abends essen. Sicherlich überwiegen in der Woche die Abende, an denen man zu Hause bleibt. Aber wir machen uns schon unsere kleinen “Erholungs-Inselchen” in den Alltag, die wir dann umso mehr genießen. Es muss nicht immer ein ganzer Tag Urlaub sein, um Entspannung zu bekommen.
Und zu Deinem vorherigen Posting muss ich einfach mal sagen: ich hoffe, dass Du NIE in die Situation kommst um Dein Leben bangen zu müssen. Denn ich glaube, dass jeder – jedenfalls in unserem jungen Alter – in solchen Momenten das Gefühl hat, dass er eigentlich noch was machen wollte. Dass er noch nicht das erlebt hat, was er bis zu seinem Lebensende erlebt haben will. Und wenn ich sage, dass sich manche Sichtweisen auf das Leben nach einer solchen Situation ändern, dann glaube es mir einfach (ebnenso wie Sebastian).
Wenn ich nur daran denke wie viele Menschen in unserem Land herumheulen wie schlecht es uns doch allen geht. Nicht nur die Hartz IV-Empfänger, sondern eben auch jene, die eigentlich ein gutes Auskommen haben! Man kann sich sein Leben auch kaputt heulen. Klar zahle auch ich nicht gerne immer mehr für Sprit. Aber so lange ich nicht darüber nachdenken muss ob ich diese Woche mit 10 Litern Sprit über die Runden komme, sondern einfach den Rüssel rein halte und volltanken kann, werde ich einen Teufel tun in den Tenor der Weltuntergangsverkünder einzustimmen. Wäre schön wenn so einige in unserem Lande mal merken würden wie gut es uns (zumindest einem großen Teil) geht.
Ich hatte zwar keine lebensbedrohliche Krankheit, war aber wegen einer “erstzunehmenden” Krankeit ‘02/’03 in langer, intensiver ärztlicher Behandlung. Glaube mir, während der Krankheit habe ich viel über den Wert und den Genuss/Spaß am Leben gelernt. Und ich bin stolz und froh, dass ich mich (meist) immer noch an meine guten Vorsätze erinnere und danach lebe. Trotz stressigen Jobs, Haushalts und sonstigen Verpflichtungen, kann man lernen, eher das Gute und weniger das Schlechte zu sehen. Wenn man sich dann ab und an noch mal eine Auszeit gönnt, einfach mal durchatmen … Das Leben gewinnt an Wert!
Wie wichtig es ist, das Leben zu geniessen, es geniessen zu können, habe ich in den vergangenen Wochen ganz arg zu spüren bekommen. Auch bei uns steht das Thema Krankheit grad ganz groß auf dem Tagesplan…leider.
Aber es ist sooo verdammt wichtig, sich selber nicht zu vergessen, bei all dem Stress, bei all dem Alltag (und ich weiß mit 2 kleinen Kindern genau wovon ich rede) und bei all den negativen Nachrichten, die einen so erreichen. Man darf sich trotz allem nicht selber vergessen und auch wenn man sich nicht immer Zeit für sich nehmen kann, nicht immer die Gelegenheit hat kurz abzuschalten, so ist es doch wichtig es wenigstens ab und zu intensiv zu celebrieren. Mal eben abtauchen…und wenn auch nur für 5 Minuten.
Ich kann für mich sagen, dass ich viel emotionaler geworden bin, viel schneller Tränen in den Augen hab und Gefühle irgendwie viel deutlicher zulasse. Manchmal ein bischen doof, wenn meine Augen feucht werden, aber dann auch wieder nicht, weil es nun einfach mal so ist. Man darf sich dessen nicht schämen, warum auch? Wir haben nunmal nur das eine Leben…das Gegenteil ist erst noch zu beweisen.