Nachtrag zum “September Elf”
Sep 12th, 2006 by Hausmeister
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen nichts zu diesem Thema zu schreiben. Einige andere Blogger hatten sich bereits des Themas angenommen, ihre immer noch währende Betroffenheit ausgedrückt. Und gerade einige Blog-Beiträge, deren Kommentare nur so vor “Also, ich habe am 11. September 2001 folgendes gemacht…”-Stories strotzen, haben mich eher abgeschreckt. Die eigentliche Verarbeitung des Ganzen möchte ich momentan ebenso für mich behalten wie “mein persönliches 11.-September-Erlebnis”.
Beim Zappen sind wir dann gestern Abend nun eben doch bei einer Dokumentation auf RTL gelandet, bei der Augenzeugen und Betroffene ihre Erlebnisse in den Türmen schildern – ausgeschmückt mit schauspielerischer Verbildlichung. Und es ist auch nach fünf Jahren immer noch so wie es damals war: die Augen können sich nicht vom Bildschirm lösen. Wie ein verschrecktes, paralysiertes Häschen, das vor dem bösen Wolf sitzt, bringe ich es nicht fertig einfach umzuschalten und auf “Unterhaltungsprogramm” zu wechseln. Auf der einen Seite ist das natürlich selbstverständlich, auf der anderen Seite macht es mich aber auch nachdenklich und letztendlich auch wütend.
Und das aus mehreren Gründen. Wütend zum einen darum, weil jetzt jedes Jahr im September immer wieder die gleichen Bilder rund um den Globus gezeigt werden – gemischt mit “neuesten Erkenntnissen”, “neuen Verschwörungstheorien” oder neuen Einspiel-Filmchen und “unveröffentlichtem Bildmaterial”. Was mich daran wütend macht ist die Tatsache, dass damit die Terroristen genau das erreicht haben was sie wollten. Ziel war es (ich gehe jedenfalls davon aus, dass es das Ziel von Terroristen ist…) dem “Feind” Angst zu machen, ihn einzuschüchtern. Zu zeigen “Ihr seid nie vor uns sicher.” Die innere Ordnung ist nicht vor Terror sicher. Dadurch, dass wir die Bilder immer weiter wiederkäuen, wird auch immer wieder ein wenig mehr Verunsicherung und Angst geschürt. Die Terroristen haben ihr Ziel erreicht: das Grauen hat sich festgesetzt.
Auf der anderen Seite macht mich dieser “Hype” um 9/11 wütend. Sicherlich, die Anschläge sind verabscheunungswürdig und durch nichts zu rechtfertigen. Jedes der Opfer ist ein Opfer zuviel. Es ist der größte Terror-Anschlag, den die Welt bis heute gesehen hat. Aber das dieses grausame Ereignis von den Medien so ausgeschlachtet wird, treibt mir die Zornesröte ins Gesicht. Ganz abgesehen davon, dass ein kurzsichtiger amerikanischer Machtmensch diesen Anschlag als Rechtfertigung für Krieg und Folter heranzieht. Auf allen Sendern Sonderberichterstattungen, Dokumentationen noch und nöcher. Irgendwie fehlt mir hier aber das Maß, wenn ich daran denke, dass z.B. 1994 in Ruanda gut 800.000 Tutsi abgeschlachtet wurden. Oder was ist mit den Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien? Für die gibt es keine Lobby, weil sie eben nicht “wichtig” waren um im WTC gearbeitet haben.
Auch in den genannten Beispielen haben Menschen anderen Menschen Gewalt angetan, aber anscheinend lässt sich sowas nicht gut vermarkten. Das “Pech” der Tutsi war, dass sie anscheinend nicht über Rohstoffe verfügten, an denen die westliche Welt interessiert war. So gehen 800.000 arme Seelen im Schatten der WTC-Anschläge eben leer aus.
Oder was ist mit den Tausenden und Millionen von Toten, die wir durch bevorstehende Klimaveränderungen zu erwarten haben? Okay, das passiert eben schleichend und weil Millionen Menschen an der industriellen Luftverpestung beteiligt sind, können wir kein plakatives Feindbild aufbauen. Wer nur aus Spaß einen spritschluckenden Hummer-Truck fährt, dem fällt es schwer gegen Umweltverschmutzung zu klagen. Dann doch lieber auf die bösen Terroristen schimpfen, wegen denen das Benzin jetzt so teuer ist.
Wir sind gerne auf einem Auge blind. Meist auf dem, das in den Spiegel schaut.






Toller Beitrag, auch wenn ich mich angesprochen fühle.
Und tolles Schlusswort.
[...] Gerade bin ich auf den Artikel Nachtrag zum ‘September Elf’ bei Blog-Ha.us gestossen. Sicherlich, die Anschläge sind verabscheunungswürdig und durch nichts zu rechtfertigen. Jedes der Opfer ist ein Opfer zuviel. […] Irgendwie fehlt mir hier aber das Maß, wenn ich daran denke, dass z.B. 1994 in Ruanda gut 800.000 Tutsi abgeschlachtet wurden. Oder was ist mit den Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien? Für die gibt es keine Lobby, weil sie eben nicht “wichtig” waren um im WTC gearbeitet haben. [...]
Ein Tabu bröckelt……
Ich wage es jetzt einfach mal, kurz nach dem fünften Jahrestag von 9/11, offen auszusprechen, was mir seit Jahren schon im Kopf herumschwirrt. Es fällt deswegen so schwer, weil man dadurch Gefahr läuft, in die Schublade antiamerikanischer Spinner ge…
Mir aus der Seele geschrieben.